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Google Chrome OS

Google kündigt ja alle paar Tage eine neue Initiative an, so viele dass man kaum den Überblick behalten kann wie wo was wann kommen soll. Google schießt mit Schrot dank gefüllter Kassen und einige Schrotkörner werden mit Sicherheit treffen. In diesem Fluss von Ankündigungen sticht die eines neuen Betriebssystems (Tagesschau) deutlich hervor, so dass ich mir es nicht verkneifen kann, etwas darüber zu schreiben.

Erst mal Respekt vor der Ankündigung. Ein Betriebssystem anzukündigen ist ein direkter Schlag ins Gesicht von Microsoft - und das gerade in der Phase, in der Microsoft Windows 7 herausbringt. Windows 7? Gutes Timining für Google, denn Windows 7 braucht niemand wirklich. Stellen Sie sich mal die Frage, welches Feature Sie in XP vermissen, und zwar so sehr, dass Sie erstens Ihren Geldbeutel für den Kauf einer neuen Version öffnen und zweitens eine unbestimmte Zeit von Feierabenden und Wochenenden für die Migration aufwänden wollen? Meine zwei letzten Notebooks kamen beide mit einer Vista-Lizenz und dem format c: Befehl, so dass ich Dank Downgrade-Möglichkeit einigermaßen zufriedener XP-User bin. Die Firma, die mit Vista so viel Vertrauen kaputt gemacht hat, bringt eine neue Version heraus und verspricht dabei die Anwender nicht auf die gleiche Weise zu quälen wie sie es mit Vista getan hat. Wer glaubt das? Wer lässt sich darauf ein?

Ich wäre nur froh, wenn ich nicht nur Vista, sondern auch 7 an mir vorbei ziehen lassen können. Chrome OS ist heute nur eine Ankündigung, vielleicht auch nur Vaporware, vielleicht kein Erfolg. Die Chancen stehen aber gut, dass nicht weniger User eine Alternative suchen ohne gleich einen Mac kaufen zu müssen oder die immer noch anspruchsvolle Installation von Linux/Ubuntu durch zu stehen.

Auch Respekt vor dem Vorhaben an sich ein Betriebssystem zu entwicklen. In Deutschland war Siemens die letzte Firma, die BS/2000 in München entwickelt hat. Natürlich läuft an vielen Stellen die Entwicklung am Linux-Kernel, aber da steckt dann ein sehr indirektes Business-Modell, meist mit Hardware-Verkauf dahinter. Wenn man  sich die Betriebssysteme Windows, Mac und Linux anssieht, dann sieht man wirklich einen Innovationsstau. Bei Mac vielleicht noch am wenigsten, aber bei Linux tut sich außer schöneren Oberflächen (Ubuntu) kaum was. Drucker- und Videotreiber sind doch nicht alles. Es wird Zeit für ein modernes Betriebsystem, dass mit der Legacy aus dem letzen Jahrhundert Schluss macht.

Google hat ja schon ein Betriebssystem heraus gebracht, Android für Handys. Beim Eclipse Embedded Day vor zwei Wochen hier in Suttgart wurde darüber gesprochen, Android in embedded Geräten zu verwenden. Android hätte vermutlich auch das Zeug einem Netbook Leben einzuhauchen. Jedefalls hat Google schon etwas Erfahrung mit Betriebssystemen, was die Erfolgsaussichten deutlich verbessert. Bei Android bleibt abzuwarten, ob es den Handy-Markt wirklich umkrempelt. Ich wünsche es mir, denn bei der lezten Handy-Vertragsverlängerung haben mich die aktuell Smartphones bei keinem Hersteller begeisetert, so dass ich den Vertrag ohne neues Handy verlängert habe. Android läuft heute auf drei Handys. Bis Jahresende 2009 haben die beteiligten Firmen insgesamt 18 Handys angekündigt. Mal sehen... Wenn wirklich 18 Android das Weihnachstgeschäft ankurbeln, dann könnte das der erhoffte Durchbruch sein.

Über Chrome OS ist noch nicht bekannt, ob es Java unterstützen wird. Ich bezweifle das stark. Es wird noch eine weitere Plattform sein auf der einmal mehr Java keine Rolle spielt. Man denke nur an das iPhone. Auch auf Android läuft kein Sun Java, sondern eine Variante mit anderem Bytecode, die vor allem keine Lizenz von Sun erfordert. Vermutlich wird Chrome OS einen ähnlichen Ansatz wie Android wählen. Was macht Sun/Oracle, wenn das Geschäft mit den Java-Lizenzen für Handys wegbricht? Was wird dann noch in Java investiert?

Mit Sicherheit wird sich alles um JavaScript drehen. Und da macht alles, was Google in letzter Zeit heraus gebracht hat plötzlich sehr viel Sinn, erschreckend viel Sinn. Vielleicht schießt Google doch nicht blind mit Schrot, sondern hat einen gut ausgedachten Masterplan. Auf Chrome OS kommen die ganzen JS-Andwendungen zusammen, die man schon aus dem Web und von Android kennt. Google Doc, Calendar, Mail usw. Und dann noch offline-fähig mit Gears (oder HTML 5). Das alles auf der hoch performanten JS-Engine V8. Der Chrome-Browser ist selbstverständlich dabei. Das passt alles wunderbar zusammen.

Als alter Java-Freund frage ich mich natürlich, was das für die Java-Plattform bedeutet. Dass auf dem iPhone kein Java läuft mag man noch verschmerzen, aber nun ein neues Betriebssystem, auf dem höchstwahrscheinlich auch kein Java laufen wird? Dann noch Sun als Motor, durch die Übernahme durch Oracle eher geschwächt als gestärkt, mit einer großen Innovationslücke (bzw. Murks) in den letzten Java-Versionen. Wann kommt eigentlich Java 7? Braucht das jemand? Die Zahl 7 scheint wie bei Windows 7 irgendwie verhext zu sein.

Im Client-Bereich ist JavaFX das einzige Angebot von Sun. Wenn es nicht Silverlight von Microsoft und Fash von Adobe gäbe, wäre das 'ne tolle Sache. Aber dass Sun, nach dem Nicht-Erfolg von Applets 1.0, über zehn Jahre später mit Applet 2.0 aka JavaFX irgendeinen Blumentopf gewinnen könnte, halte ich für ausgeschlossen. Technologisch JavaFX eine feine Sache, aber das reicht nicht.

Erinnern Sie sich noch an Java OS, Java als Betriebssystem, direkt auf der Hardware, möglicherweise mit speziellen Java-Prozessoren? Das war die Mission von Java, die nie erfüllt wurde. Das war der Grund, warum IBM so massiv bei Java eingestiegen ist. Heute ist Java nur ein "virtuelles Betriebssystem", mit Threads, Dateisystem, Widgets. Aber eben virtuell auf einer JVM und in der Regel auf Windows laufend. Wenn Microsoft das geahnt hätte, dann wären die Auseinandersetzungen nicht so hoch gekocht. JavaOS wäre hingegen eine echte Bedrohung für Windows gewesen und für IBM eine ideale Plattform nach der OS/2-Pleite. Na ja, IBM hat sich kein weiteres Client-Betriebssystem nach OS/2 zugetraut und sich letztlich mit Windows abgefunden.

Chrome OS ist vergleichbar zu JavaOS eine Bedrohung für Microsoft, denn Chrome OS hat nicht vor als virtuelle Maschine zu enden. Dafür gibt es ja schon die Browser, Chrome (ohne "OS") im Fall von Google.

Nebenbei, als Kollateralschaden sozusagen, fliegt bei Chrome OS auch noch Java aus dem Stack. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: ein Betriebssystem auf dem kein Java läuft, aber statt dessen JavaScript.

Don't be evil, das Motto von Google, hat mich schon beim ersten Lesen vor ein paar Jahren stutzig gemacht. Ist das nicht selbstverständlich? Warum muss man das erwähnen? Gibt es einen Anlass, das hervorzuheben? Google hat Macht und wie Macht Menschen und Firmen verändern kann ist weithin bekannt. Hoffentlich bleibt Google non-evil und wird kein neues Microsoft. Dann wäre das neue Chrome OS wirklich ein Schritt nach vorn.